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Alles Übungssache

 

Alkohol schmeckt mir nicht. Wirklich nicht. Und es macht, dass es mir am morgen nachdem ich es trinke schlecht geht und ich mich im nachhinein immer fragte wieso ich viel Geld dafür ausgab, dass es mir danach so reudig geht. Ähnlich verhält es sich mit anderen Substanzen. Aber es macht manchmal etwas selbstbewusster, witziger, offener, entspannter oder betäubt. Je nachdem was es ist und braucht. Und als Patient mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, der sich dem Veranstalten von queeren und anderen subkulturellen Events verschrieben hat und dort mit dem eigenem Erwartungsdruck, dem Druck manchmal hunderte Leute gut zu unterhalten oder dem Druck Menschen nicht enttäuschen zu wollen, die ich mit den Einnahmen der Projekte unterstütze braucht man oft irgendetwas das lustig, offen oder entspannt macht. Ich erinnere mich an kaum eine Veranstaltung auf der ich arbeitete oder auftrat, bei der ich nüchtern war, einfach weil es mir sonst vor Ort nicht möglich gewesen wäre zu arbeiten. Trotzdem kam ich mit den Zuständen danach immer schlechter zu recht und fühlte mich danach immer nur ausgelaugt, traurig und taub, selbst nach erfolgreichen Events. Ein Umfeld zu haben, das sehr exzessiv ist, macht es auch nicht unbedingt besser, genauso wie diverse Frei-Drinks, wenn man irgendwo hin eingeladen wird oder selbst veranstaltet.

 

Deswegen beschloss ich vor 2 Jahren den ganzen Scheiß zu canceln und es klappte lange Zeit recht gut, auch wenn ich einige Dinge anders angehen musste. So legte ich mir einen anderen Namen zu (Negi Ramen) unter dem ich veranstaltet habe oder auftrat um mich selbst als Privatmensch von den Erwartungen und dem Druck von mir selbst und anderen abzugrenzen und habe das Umfeld komplett gewechselt mit dem ich veranstaltet habe. Das half. Eine Therapie kümmerte sich um das Problem mit der posttraumatischen Belastungsstörung und allgemein ging es gut bergauf. Bis mich dann ein Hörsturz außer Gefecht setzte und eine Bahn mich erfasste, was u.a. Gedächtnisverlust, gebrochene Knochen, einen langen Heilungsprozess, viele Schmerzen, Gewichtszunahme durch die fehlende Möglichkeit sich zu bewegen und starke Depressionen bis zum Suizid-Gedanken zur Folge hatte. Und um das alles zu Ertragen kamen dann Alkohol und Gras zurück in mein Leben, nachdem Unfall dann auch auf Parties Ketamin und Kokain oder, der Tiefpunkt an meinem Geburtstag, das Inhalieren von kleinen Gaskapseln, die man eigentlich nimmt um Sprühsahne zu produzieren. Klingt eklig? War es auch. Und ein paar Wochen ging das dann noch so weiter, bis ich keinen Bock mehr hatte und deshalb alles wieder cancelte. Jetzt seit ca. 2 Monaten. Die große Herausforderung stand dann jetzt an, der CSD in Berlin mit Freund_innen, die allesamt konsumieren. Ein Massen-Event mit ca. einer Million Besucher_innen. Und ja, es klappte super. Ja, es ist anstrengend der einzige nüchterne in einer Gruppe zu sein und manchmal nervig. Und ja, auch etwas awkward, wenn man dann eher schüchtern ist und wegläuft, wenn man eigentlich nett angeflirtet wird, einfach weil man es echt wieder lernen muss nüchtern klar zu kommen, aber es wird gehen. Dazu seit ein paar Wochen Sport und bessere Ernährung und eine selbstverordnete Pause vom Veranstalten und anderen Events, bei denen ich etwas anderes als ein Gast bin. Und dann klappt das irgendwann auch wieder mit dem Selbstbewusstsein, aber immerhin schaffe ich es wieder emotional so offen zu sein und muss mich nicht betäuben oder mir irgendwas antrinken, damit ich klar komme. Alles Übungssache.

 

 

Negi Ramen